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Wie Googles neue Funktion zur Quellenauswahl die Kontrolle über Informationen beeinflusst

7 min Lesezeit
Wie Googles neue Funktion zur Quellenauswahl die Kontrolle über Informationen beeinflusst

Google ermöglicht es Nutzern, manuell festzulegen, welche Quellen in den Suchergebnissen bevorzugt werden sollen. Dies geschieht angeblich, um den Qualitätsjournalismus zu fördern. Doch die Argumentation weist erhebliche Schwächen auf.

Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet Google, das Unternehmen, das seit Jahrzehnten behauptet, die Absichten seiner Nutzer besser zu verstehen als jedes andere, nun auf die manuelle Auswahl von „bevorzugten Quellen“ angewiesen ist, um seriösen Journalismus in den Suchergebnissen sichtbarer zu machen. Die Begründung für diese Funktion ist, dass sie angeblich hochwertigen, vertrauenswürdigen Journalismus stärken soll.

Diese Argumentation überzeugt jedoch nicht. Wenn Google tatsächlich hochwertige Quellen bevorzugen wollte, könnte es dies längst tun. Der Konzern hat Zugriff auf umfassende Daten darüber, welche Angebote verlässlich sind, welche Quellen von Nutzern regelmäßig angeklickt werden und welche Inhalte redaktionell erstellt werden. Die entscheidende Frage ist also nicht, ob Google in der Lage ist, Qualität zu erkennen, sondern warum das Unternehmen diese Entscheidung nun den Nutzern überlässt.

Kontrolle über Quellen im Fokus

Die Realität ist einfacher und weniger erfreulich: Google möchte kontrollieren, welche Quellen seine KI-Suche speisen und welche davon überhaupt sichtbar werden. Dies ist besonders vorteilhaft, wenn die betroffenen Quellen keine eigenen Ansprüche geltend machen, etwa in Bezug auf Urheberrechte, Vergütung oder Reichweite.

Die traditionelle Google-Suche war lange Zeit ein Tauschgeschäft. Google monetarisierte die Suchanfragen, leitete die Nutzer jedoch an die Webseiten weiter. Mit der Einführung von KI-Antworten ändert sich dieses Verhältnis: Google nutzt weiterhin Inhalte als Grundlage, hält die Nutzer jedoch zunehmend auf der eigenen Plattform. Quellen werden zu Rohstoffen.

Für Google entsteht dadurch ein neuer Anreiz. Hochwertige Originalquellen sind aus Sicht der Nutzer oft die besten Ergebnisse, aus Googles Perspektive jedoch problematisch: Sie sind redaktionell, monetarisiert und können Ansprüche geltend machen. Automatisiert oder halbautomatisiert erzeugte KI-Spam-Seiten hingegen sind pflegeleichter. Diese Seiten sind mit geringem Traffic zufrieden und erheben keine Klagen. Ob ihre Sichtbarkeit absichtlich oder unbeabsichtigt ist, spielt eine untergeordnete Rolle. Der Effekt ist für Google vorteilhaft, da in KI-Antworten ohnehin kaum noch auf Quellen geklickt wird.

Politische Dimensionen und regulatorische Herausforderungen

Parallel dazu sichert sich Google Inhalte dort, wo die Bedingungen einfacher sind. So hat der Konzern beispielsweise einen Vertrag mit Reddit geschlossen, um Inhalte von Reddit für das KI-Training zu nutzen. Dies ist für Google kalkulierbarer als ein offenes Netz aus Verlagen, Rechteinhabern und potenziellen Klagen.

In diesem Kontext passt die Funktion „Bevorzugte Quellen“ perfekt. Sie verlagert die Verantwortung, anstatt das Problem schlechter Suchergebnisse zu lösen. Google ist sich bewusst, dass nur ein verschwindend kleiner Teil der Nutzer manuell bevorzugte Quellen festlegen wird. Doch die bloße Existenz dieser Option dient als Argument: Nutzer könnten ja andere Quellen auswählen.

Somit wird die Nichtnutzung faktisch zur Zustimmung zur Vorauswahl von Google. Wer keine bevorzugten Quellen festlegt, erhält die Ergebnisse, die Google ausspielt. Und wenn dort KI-Spam, bequeme Partner oder beliebige Ersatzquellen auftauchen, kann Google darauf verweisen, dass der Nutzer die Auswahl hätte beeinflussen können. Auf diese Weise nimmt der Konzern sowohl die Nutzer als auch seriöse Anbieter aus der Gleichung.

Regulierungsdruck und Googles Strategie

Das Kalkül hat auch politische Implikationen. Google steht in Europa an mehreren Fronten unter Druck. Der Digital Services Act (DSA) verlangt von großen Suchmaschinen Transparenz bei Empfehlungsalgorithmen und Maßnahmen zur Risikominderung zum Schutz des Medienpluralismus. Italiens Medienaufsicht AGCOM hat bereits die EU-Kommission gebeten, Googles KI-Übersichten im Rahmen des DSA zu überprüfen.

Der Digital Markets Act (DMA) betrachtet Google Search als Gatekeeper-Dienst. Er verbietet unter anderem das begünstigende Ranking eigener Dienste und fordert nichtdiskriminierende Bedingungen. Zudem prüft die EU-Kommission seit Dezember 2025 nach Artikel 102 AEUV, ob Google Inhalte von Verlagen für KI-Zwecke ohne angemessene Vergütung nutzt.

Vor diesem Hintergrund ist „Bevorzugte Quellen“ weniger ein Beitrag zu einer besseren Suche als vielmehr ein Argument für Aufsichtsbehörden und die Politik. Google kann künftig behaupten, dass die Nutzer die Quellenauswahl selbst beeinflussen könnten. Ob diese Möglichkeit tatsächlich in relevantem Umfang genutzt wird, ist dabei nebensächlich. Entscheidend ist, dass Google diese Option vorweisen kann. In der Praxis bleibt die Quellenauswahl jedoch fast immer bei Google.

Der Rückgang des offenen Webs

Wer wissen möchte, wie viel Wert Google noch auf das offene Internet legt, sollte einen Blick auf die Zahlen werfen. Googles Werbegeschäft wächst zwar kräftig, jedoch nicht im Bereich des offenen Webs. Während Google Search und YouTube zulegen, schrumpft das Google Network seit 2022 teilweise zweistellig im Jahresvergleich. Dies ist der Bereich, in dem Google Werbung auf externen Webseiten ausspielt.

  • Kennzahlen:
  • Q1 2025: 50,702 Mrd. USD (Google Search & other)
  • Q1 2026: 60,399 Mrd. USD (Google Search & other)
  • Q1 2025: 8,927 Mrd. USD (YouTube ads)
  • Q1 2026: 9,883 Mrd. USD (YouTube ads)
  • Q1 2025: 7,256 Mrd. USD (Google Network)
  • Q1 2026: 6,971 Mrd. USD (Google Network)
  • Q1 2025: 66,885 Mrd. USD (Google advertising gesamt)
  • Q1 2026: 77,253 Mrd. USD (Google advertising gesamt)

Die Richtung ist klar: Google verdient zunehmend in den eigenen Oberflächen und immer weniger mit Werbung auf fremden Webseiten. Im Rahmen eines Werberechtsstreits im Herbst 2025 äußerten sich Googles Anwälte versehentlich ehrlich und sprachen vom „rapiden Verfall“ des WWW. Dies bezog sich zwar auf den Rückgang von Googles Display-Werbeeinnahmen, ist jedoch ein entscheidender Punkt.

Wenn das offene Web für Google an Bedeutung verliert, sinkt auch der Anreiz, Nutzer dorthin weiterzuleiten. Stattdessen integriert der Konzern sie über KI-Systeme immer stärker in das eigene Ökosystem. Je unübersichtlicher und austauschbarer das Web erscheint, desto einfacher wird es, die Nutzer in Googles eigenen Produkten zu halten.

„Die Leute lieben unsere KI-Erlebnisse wie AI Mode und AI Overviews“, sagte Google-CEO Sundar Pichai anlässlich der jüngsten Finanzkennzahlen.

Aus Googles Sicht ist dies nachvollziehbar: Wenn Antworten direkt in der Suche angezeigt werden, bleibt die Aufmerksamkeit bei Google. Die Quelle wird zur Zulieferung, nicht mehr zum Ziel.

Die Rolle der Verlage

Viele Verlage haben bereits begonnen, ihre Leser mit großen Buttons dazu aufzufordern, ihre Seiten bei Googles „Bevorzugte Quellen“ zu hinterlegen. Kurzfristig ist dies nachvollziehbar, da diejenigen, die Reichweite verlieren, nach jedem verfügbaren Hebel greifen. Strategisch betrachtet ist es jedoch ein Fehler.

So funktioniert Googles Alibi. Der Konzern entwickelt eine Funktion, die kaum genutzt wird, und die Verlage übernehmen die Verantwortung, die Nutzer dorthin zu lenken. Damit unterstützen sie Google dabei, aus einem theoretischen Kontrollangebot ein vermeintlich ernsthaftes Produkt zu machen.

Verlage, die gleichzeitig rechtliche Schritte gegen Google einleiten, sollten sich fragen, ob es klug ist, jedes neue Google-Feature sofort in ihre Nutzerführung zu integrieren. Denn damit legitimieren sie genau den Mechanismus, den sie eigentlich kritisieren sollten: Google entscheidet über die Sichtbarkeit von Quellen, verweist jedoch auf eine manuelle Nutzeroption, sobald diese Entscheidung in Frage gestellt wird.

Google hat sich mit „Bevorzugte Quellen“ ein Alibi geschaffen. Die Branche sollte nicht dabei helfen, dieses Alibi zu festigen.

Auf meine Anfrage hin hat Google keine Stellungnahme dazu abgegeben, warum eine manuelle Funktion wie „Bevorzugte Quellen“ notwendig ist, obwohl der Konzern seit Jahrzehnten algorithmisch die Qualität von Quellen und die Präferenzen der Nutzer erfasst.

Ein interessanter Aspekt ist, wie Google KI-Agenten beim Online-Shopping unterstützt. Diese Entwicklungen könnten die Art und Weise verändern, wie Nutzer Produkte suchen und kaufen. Zudem zeigt eine Studie, dass Nutzer zunehmend KI-Chatbots bevorzugen, die schädliches Verhalten bestätigen. Auch die interaktive Musikgenerierung, wie sie mit Google MusicFX DJ vorgestellt wurde, könnte neue Möglichkeiten für Verbraucher eröffnen.

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Quellen: the-decoder

Bildquelle: KI generiert

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